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Apertus: Wie weit ist das Schweizer KI-Modell?

Seit einem Jahr gibt es ein offenes Sprachmodell aus der Schweiz. Eine erste Bilanz zeigt, wo es überzeugt und wo es noch nicht reicht. Für die Frage, ob Baugesuche einmal von einer Schweizer KI vorgeprüft werden, ist das aufschlussreich.

Fixpunkt 02, KI-Werkzeuge, Stand 16.09.2026

Apertus
lateinisch: offenSprachmodell von ETH Zürich, EPFL und dem Nationalen Hochleistungsrechenzentrum CSCS. Gewichte, Trainingscode und Angaben zu den Daten sind öffentlich.

Das Wichtigste in Kürze

  1. Apertus ist vollständig offen. Wer will, kann das Modell selbst betreiben, ohne dass Daten die Schweiz verlassen.

  2. Bei Übersetzungen in die Landessprachen liefert es gute Ergebnisse. Der Kanton Tessin nutzt es als erste Verwaltung für die Übersetzung interner Dokumente.

  3. Beim logischen Schliessen, bei Rechenaufgaben und bei der Treue zu Quellen liegt es noch hinter vergleichbaren Modellen.

  4. Version 1.5 ist seit Juli 2026 verfügbar. Version 2.0 ist für 2027 angekündigt.

In eigenen Worten zusammengefasst.

Ein Modell, das man besitzen kann

Die meisten bekannten KI-Dienste laufen auf Servern von Konzernen in den USA. Wer dort ein Dokument hochlädt, gibt es aus der Hand. Apertus ist anders gebaut. Das Modell wurde von ETH Zürich, EPFL und dem Hochleistungsrechenzentrum CSCS in Lugano entwickelt und im September 2025 veröffentlicht. Gewichte, Trainingscode und die Herkunft der Trainingsdaten sind offengelegt. Eine Behörde oder ein Unternehmen kann es auf eigenen Rechnern betreiben.

Laut swissinfo wurde Apertus im ersten Jahr über vier Millionen Mal heruntergeladen. Rund 40 Prozent der Trainingsdaten sind nicht englisch, darunter Schweizerdeutsch und Rätoromanisch.

Der erste Einsatz in einer Verwaltung

Der Kanton Tessin übersetzt Verwaltungsdokumente seit diesem Frühjahr mit einer Lösung auf Basis von Apertus. Laut Netzwoche mussten Dokumente zuvor von Hand anonymisiert werden, bevor sie an externe Übersetzungsdienste gingen. Jetzt bleiben die Daten in der Schweiz. Eingesetzt wird eine kompakte Variante des Modells, die auf vergleichsweise kleiner Hardware läuft. Zum Start haben rund hundert Mitarbeitende der Verwaltung das System getestet.

Wo es noch fehlt

Die Bilanz ist nicht nur positiv. Bei Aufgaben, die mehrere Denkschritte verlangen, bei Rechnen und bei Logik liegt Apertus hinter anderen offenen Modellen zurück. Die Digitalagentur Liip sieht Fortschritte in Version 1.5, setzt das Modell aber noch nicht in Kundenprojekten ein. Ein Grund: Es hält sich nicht zuverlässig genug an die Quellen, die man ihm vorgibt.

Ein Teil davon ist eine bewusste Entscheidung. Apertus verzichtet auf Trainingsdaten, deren Herkunft nicht offengelegt werden kann. Das macht es transparent und rechtlich sauber, kostet aber Leistung.

Was das für Baugesuche heisst

Für eine Vorprüfung von Baugesuchen zählen genau die Punkte, bei denen Apertus heute noch schwach ist: Regeln korrekt anwenden, Masse rechnen, sich streng an die geltende Vorschrift halten. Eine Schweizer KI, die ein Baugesuch zuverlässig vorprüft, ist deshalb noch nicht in Reichweite.

Die Richtung stimmt trotzdem. Ein offenes Modell, das in der Schweiz läuft, löst die Frage, wo heikle Unterlagen landen. Für Bauakten mit Grundrissen, Eigentümerdaten und Verträgen ist das keine Nebensache. Ob die Leistung mit Version 2.0 reicht, wird sich 2027 zeigen.

Emre Erdönmez

Kommentar

Emre Erdönmez
Architekt M.Sc., Geschäftsführer E E Architektur Design

Daten aus Bauprojekten gehören in die Schweiz, im besten Fall sogar auf den eigenen Rechner.

Für unsere Arbeit ist es äusserst wichtig, mit lokalen KI-Modellen arbeiten zu können. Pläne, Verträge und Angaben zu Eigentümern sind vertraulich. Wir müssen sicher sein, dass diese Daten zumindest in der Schweiz bleiben.

Architekten sprechen vom Genius loci, dem Geist des Ortes. Gemeint ist alles, was einen Ort prägt: die Landschaft, die gewachsene Bauweise, die geltenden Regeln und auch die Sprache, in der dort geplant und gebaut wird. Auf der Baustelle, in der Bauherrensitzung und in der Sprachnachricht vom Unternehmer wird bei uns Schweizerdeutsch gesprochen. Auch der Fachwortschatz ist ein eigener. Ein Estrich ist hier der Dachboden, in Deutschland die Schicht unter dem Bodenbelag. Begriffe wie Ausnützungsziffer oder Baulinie stammen aus Schweizer Gesetzen. Eine KI, die nur Hochdeutsch kennt, versteht solche Unterschiede nicht zuverlässig. Für ein Werkzeug, das hier eingesetzt wird, ist das kein Detail.

Ein solches Modell entsteht nicht von allein. Apertus zeigt, dass die Grundlagen in der Schweiz vorhanden sind: Forschung, Rechenleistung und offene Modelle. Was fehlt, ist das Wissen aus der Praxis. Gute Beispiele, sauber beschriftete Pläne und die Erfahrung, wo Verfahren im Alltag stocken. Das können Architekturbüros beisteuern, aber kaum eines allein. Ich halte es deshalb für sinnvoll, dass wir Schweizer Architektinnen und Architekten über eine Zusammenarbeit nachdenken, etwa über unsere Berufsverbände, und ein Modell für unsere Bedürfnisse gemeinsam voranbringen. Davon profitiert die ganze Branche und mit ihr die Bauherrschaften.

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